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Die Freude des abenteuerlichen Drifts

23.03.2020

Ulf Poschardt hat eine Landkarte des menschlichen Freiheitsdrangs gemalt. Der Chefredakteur der WELT-Gruppe zeigt in seinem Buch Mündig anhand von 16 sprachlichen Bildern, dass sich menschliches Denken und Handeln nur weiterentwickeln kann, wenn es in Grenzbereiche vorstößt. Gehören Größenwahn und Expansionslust zur emotionalen Psychodynamik erfolgreicher Gesellschaften, ist das mentale Downsizing ein Frühindikator für drohende Stagnation. So schlägt es Poschardt dem mündigen Konsumenten im gleichnamigen Kapitel entgegen. Anhand philosophischer, kultureller und politischer Referenzen denkt der Autor darüber nach, was Mündigkeit in unterschiedlichen Zusammenhängen bedeuten kann. Er begreift dieses Tauchen in Nischen (der mündige Intellektuelle) als Angebot an den Leser, über sich selbst nachzudenken und eigene Mündigkeitsparameter samt entsprechender Inspirationsquelle (neu) zu entdecken.  

In der Netflix-Dokumentarserie Drive to Survive wird pro Staffel eine Formel-1-Saison aus der Sicht der Teams und Fahrer begleitet. In Interviews, Ausschnitten aus dem Boxenfunk sowie in Sequenzen aus Training und Renngeschehen bekommt man einen Eindruck vom Gesamtkunstwerk der Formel 1. Ende Februar 2020 wurden alle Folgen der zweiten Staffel bei Netflix online gestellt. Dank Corona-Isolation hat man die Zeit, sich die zweite Staffel bis spätestens Mitte März komplett reinzuziehen. Sie erinnern mich an meine Kindheit, als mich mein Vater mitten in der Nacht von Samstag auf Sonntag aufweckte, um sich gemeinsam den Großen Preis von Australien anzusehen. Michael Schumacher gegen Damon Hill. Michael Schumacher gegen Jacques Villeneuve. Michael Schumacher gegen Mika Häkkinen. Wer die Träume der Kindheit verliert, wird nie mehr richtig träumen können, schreibt Poschardt (der mündige Demokrat). Und: In jedem Haus seines Ichs muss ein Zimmer für den Traum bleiben (der mündige Träumer).

Drifting ist laut Wikipedia eine Fahrtechnik, bei der der Fahrer absichtlich übersteuert und dabei die Traktion verliert, während er die Kontrolle behält und das Auto über die gesamte Kurve fährt. Bei Poschardt ist der Drift das Bild für den Moment, in dem man fast oder tatsächlich am Rande des Beherrschbaren die Bodenhaftung verliert. Weil man etwas wagt – einen Gedanken, einen Text, ein Musikstück, ein Produkt oder eine politische Forderung. Poschardt lobt die Angstfreiheit. Nur freie Menschen haben das Zeug zur Mündigkeit, wenn sie keine Vernunftzwanghaftigkeit sein will. Wer die Mündigen stets in den geordneten Lebenswelten sucht und verortet, findet eher Mündigkeitsstreber […] (die mündige Feier).

Wahrscheinlich findet Poschardt Drive to Survive zu brav und angepasst. Rennfahrer wie Astronauten haben ihren mythischen Glanz verloren, so wie die Idee selbst, dass Fortschritt, Wachstum und ewige Beschleunigung eine in sich selbst begründete Notwendigkeit sind, um den Menschen eine aufregende Zukunft zu bescheren (der mündige Unmündige). Ich wollte die Serie daher in diesem Text lieber nicht erwähnen. Doch nachdem der Autor selbst im Kapitel Der mündige Mann auf die US-Serie Designated Survivor abstellt, in der ein Wissenschaftler und Anti-Politiker nach einem Terroranschlag US-Präsident wird, habe ich es mir anders überlegt. Trash ist nämlich kein Ausdruck von Unmündigkeit. Man muss sich bloß der Trashigkeit bewusst sein. 

Poschardt ist vom Präsidenten in Designated Survivor wegen dessen narzisstischer Freude am eigenen Anstand genervt. Doch was ist eigentlich so schlimm daran, als freier und mündiger Mensch an einem eigenen Wertegerüst zu arbeiten? Schon ganz zu Beginn des Buchs heißt es, die Moral nehme dem Einzelnen alle wichtigen Lebensentscheidungen ab. Gegen diese Tendenz muss der Liberale unbedingt zu Felde ziehen. Denn vielleicht ist die moralisch angepriesene Lösung des Problems in Wahrheit gar keine Lösung und der Schlüssel liegt eigentlich in einem neuen Gedanken, der auf diese Weise noch nie ausprobiert worden ist. Der wahrscheinliche Sprung ist öde, schreibt Poschardt im Kapitel Der mündige Liberale. 

Doch auch der mündige Liberale – die Schutzmacht für all jene, die erst dabei sind, mündig werden zu wollen – muss sich um Anhänger bemühen. Poschardt selbst unterstellt dem Liberalen eine Neigung zum Elitären, Eigenbrötlerischen. Dagegen gilt es sich zu wehren. Der Liberale muss auch zugewandt, interessiert und neugierig sein können. Ein Liberaler,  der sich darum bemüht, als guter Typ wahrgenommen zu werden oder gar wirklich einer ist (Poschardt würde sagen die sozialismuskompatible Kirchentagslyrik-Variante), wird dadurch kein schlechterer Liberaler. Vielleicht kann er so für die Mündigkeit der Vielen sogar etwas mehr erreichen, als wenn er sich selbst präventiv als Feindbild abstempelt. Für seine Wurzeln im Freiheitsdrang des Einzelnen muss sich der Liberalismus nicht entschuldigen. Und mit Ulf Poschardts Mündig hat er ein paar hilfreiche Provokationen mehr zur Verfügung.