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Gastbeitrag: Eine digitale Hochschule für ganz Europa

16.12.2020

Statt unserem dezentralen System der europäischen Universitäten brauchen wir eine digitale EU-Universität

(Dieser Gastbeitrag erschien gemeinsam mit Dr. Jens Brandenburg MdB zuerst auf T-Online.de: https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/innenpolitik/id_88777874/fdp-fordert-wir-brauchen-eine-digitale-hochschule-fuer-ganz-europa-.html)

Kaum ein Begriff steht so sehr für europäische Erfolgsgeschichten wie das Erasmus-Programm. Mit dieser finanziellen Förderung durch die Europäische Union, die ursprünglich für Auslandsaufenthalte an Universitäten gedacht war, erleben heute viele Tausend Europäerinnen und Europäer in unterschiedlichen Institutionen eine lehrreiche und prägende Zeit im Ausland. Das Programm hat bis heute sogar für über eine Million Erasmus-Babys gesorgt – Kinder von Paaren, die sich während des Austausches kennen gelernt haben.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass das heutige Erasmus+ noch immer nur einen begrenzten Teilnehmerkreis erreicht. Nur wer jung und geografisch mobil ist, kann zumeist von den Lehrangeboten anderer Mitgliedsstaaten profitieren. Es wird Zeit, die Vision einer europäischen Bildungsunion weiter voranzutreiben. Das Versprechen, durch Qualifikation und Austausch die eigenen Chancen zu verbessern, muss für alle Europäerinnen und Europäer erlebbar werden.

Der französische Staatspräsident Emmanuel Macron hat schon in seiner Grundsatzrede zur Zukunft der EU am 26. September 2017 an der Pariser Sorbonne-Universität eine neue Vision für den europäischen Bildungsraum formuliert: Europäische Hochschulen sollen die Union enger zusammenbringen und gesamteuropäische Bildung vermitteln. Doch diese große Vision ist in der Umsetzung schnell an die Grenzen nationalstaatlicher Interessen und bürokratischer Bedenkenträger gestoßen. Das Ergebnis ist keine Hochschule nach europäischen Recht, sondern nur ein weiterer Fördertopf aus Brüssel. Das heißt konkret: Die europäischen Hochschulen sind eigentlich nur Kooperationsnetzwerke weniger nationaler Hochschulen – ein Fortschritt, aber kein großer.

Der nächste Schritt wäre eine europäische Hochschule, an der wirklich alle Europäerinnen und Europäer gemeinsam lernen können – unabhängig von zeitlichen oder finanziellen Ressourcen und von örtlicher Gebundenheit. Es ist absurd, die europäische Bildungsmobilität im Zeitalter der Digitalisierung weiterhin an die Bereitschaft zum physischen Wohnortwechsel zu knüpfen. Die EU ist bereit für eine Europäische Digitale Universität! Über ein Online-Portal sollen die besten Lehrangebote aus ganz Europa verfügbar werden. Die 45-jährige Chemikerin aus Warschau soll die Vorlesung zu den neuesten Forschungsergebnissen der Universität Maastricht besuchen können. Der 21-jährige Maschinenbaustudent aus Berlin soll sein Online-Studium flexibel aus Lehrangeboten der renommiertesten Professorinnen und Professoren ganz Europas zusammenbauen können. Und die 55-jährige Erzieherin aus Paris soll auf dem Heimweg in der Straßenbahn ihrer Leidenschaft zur Kunstgeschichte über eine Online-Vorlesung der Universität Rom nachgehen können – nicht als Ersatz für persönliche Auslandsaufenthalte, sondern als zeitgemäße Ergänzung im Lebensalltag.

Google bringt heute schon jeden Text und jede Quelle auf das Smartphone. Aber die akademische Einordnung und Orientierung beschränkt sich meist auf exklusive Kreise immatrikulierter Studierender vor Ort. Die European Digital University soll das ändern. Sie eröffnet der gesamten Bevölkerung einen direkten Zugang zur Vielfalt und Qualität der europäischen Hochschullehre. Das Alter, die Kinder, der Beruf, der Geldbeutel, die Pflege von Angehörigen, der Freundeskreis, körperliche Einschränkungen, Heimweh – alles keine Gründe mehr, auf die besten Vorlesungen und Seminare Europas zu verzichten. Egal, in welcher Lebenssituation. Und diese erste europäische Hochschule muss kein reines Online-Projekt bleiben: Europäische Studiengänge wie European Law, European History oder European Business Administration könnten die European Digital University neben digitalen Lerneinheiten auch mit dezentralen Blockseminaren physisch erlebbar machen.

Die Bundesregierung sollte ihre EU-Ratspräsidentschaft nutzen, ein neues Kapitel in der europäischen Bildungsgeschichte aufzuschlagen. Das Corona-Semester hat gezeigt, dass digitale Lehre funktionieren kann. Die European Digital University kann ein europäisches Leuchtturmprojekt werden. Die Einführung der Physik-Professorin aus Madrid und der Philosophie-Kurs aus Paris wären schon bald für jeden auf dem Tablet greifbar. Für mehr Erasmus-Babys wird die Online-Uni kaum sorgen. Aber sie ist die Chance, Emmanuel Macrons großer Vision endlich Leben einzuhauchen. Denn wer zusammen lernt, der wächst auch zusammen.