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Jetzt kommt es auf die Muslime an!

22.05.2021

Dieser Beitrag erschien im Rahmen der Kolumne „Kipping oder Kuhle“ zuerst auf ntv.de: (https://www.n-tv.de/politik/politik_kipping_oder_kuhle/Jetzt-kommt-es-auf-die-Muslime-an-article22569064.html)

Die wichtigsten Verbündeten bei der Bekämpfung des muslimischen Antisemitismus sind die Muslime selbst. Leider wird, wer sich als Muslim in Deutschland differenziert zum Nahost-Konflikt zu Wort meldet, schnell selbst zur Zielscheibe des Hasses.

Der Nahost-Konflikt zwischen Israel und der Hamas hat in diesen Tagen unmittelbare Folgen für unser Zusammenleben in Deutschland. Am Rande von zahlreichen propalästinensischen und antiisraelischen Demonstrationen kam es deutschlandweit zu antisemitischen Vorfällen. Vor Synagogen wurden israelische Flaggen angezündet. Jüdische Einrichtungen stehen im ganzen Land unter verstärktem Polizeischutz. Bei Versammlungen wurden Transparente gezeigt, auf denen der Holocaust relativiert wurde.

Nachdem es in den vergangenen Jahren, beispielsweise durch den Anschlag auf eine Synagoge in Halle, zu rechtsextremen Angriffen auf jüdisches Leben gekommen ist, sehen wir aktuell eine Eskalation des muslimischen Antisemitismus in Deutschland. Das zeigt: Antisemitismus kommt in unterschiedlichen Gewändern daher – vor allem aber als rechtsextremer, linksextremer und muslimischer Antisemitismus. Es bringt nichts, wenn die politische Rechte den Antisemitismus von rechts mit Verweis auf muslimischen Antisemitismus herunterspielt. Und es bringt auch nichts, wenn die politische Linke oder Muslime den Antisemitismus von links oder aus muslimischen Communities mit Verweis auf den Antisemitismus von rechts herunterspielen. Wenn die Sicherheit von Jüdinnen und Juden ein gesamtgesellschaftliches Anliegen ist, dann muss sie auch in der gesamten Gesellschaft verteidigt werden. Spätestens wenn gegen Versammlungsauflagen verstoßen wird oder wenn Straftaten begangen werden, muss der Staat gegen antisemitische Aktionen hart durchgreifen.

Antisemitische Klischees finden sich in Schulbüchern aus arabischen Staaten ebenso wie im Fernsehprogramm arabischsprachiger Fernsehsender, die auch in Deutschland empfangen werden können. Einzelne Ereignisse im Nahen Osten können eine Welle des antisemitischen Hasses auslösen, die sich auch gegen Jüdinnen und Juden und ihre Einrichtungen in Deutschland richtet. Auch junge Muslime in Deutschland werden mitunter von dieser Welle mitgerissen – weil sie antisemitische Klischees reproduzieren, die ihnen in ihrer eigenen Community begegnen, und weil sie in ihrer Peergroup Bestätigung und Anerkennung für genau diese Positionen erfahren.

Hass für einen Tweet

Als der Schauspieler Elyas M’Barek, selbst Katholik, aber als Sohn eines Tunesiers eine beliebte Identifikationsfigur für Menschen mit Migrationshintergrund, in der vergangenen Woche die Worte „Stoppt Antisemitismus!“ twitterte, schlug ihm eine Welle von Unverständnis und Hass entgegen. Dieselben Menschen, die richtigerweise Wert darauf legen, dass Kritik an der israelischen Regierung nicht mit Antisemitismus gleichzusetzen ist, verstehen die deutliche Absage an Judenhass mitunter als Angriff auf ihre muslimische Identität. Die Empörungs-Mechanismen in den sozialen Medien tun ihr übriges. Wer sich, besonders als Muslim, in dieser Debatte differenziert zu Wort meldet, wird schnell selbst zur Zielscheibe des Hasses.

Doch die wichtigsten Verbündeten bei der Bekämpfung des muslimischen Antisemitismus sind die Muslime selbst. Es gibt deutsche Staatsbürger muslimischen Glaubens, die als Wissenschaftler, Journalisten, Politiker und in vielen anderen Rollen mutig den Antisemitismus in muslimischen Communities thematisieren. Sie werden nicht müde, auf den Unterschied zwischen Kritik an der israelischen Regierungspolitik und der antisemitisch motivierten Delegitimation des Staates Israel hinzuweisen. Sie appellieren an die Selbstreflexion und Eigenverantwortung der Muslime in Deutschland. Sie regen innermuslimische Debatten und klare Stellungnahmen der muslimischen Verbände gegen Antisemitismus an. Sie übernehmen eine wichtige Aufgabe bei der Bekämpfung gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit – und werden dafür hart angegriffen. Dabei spielen ausländische Akteure wie die türkische Regierung eine Rolle, die durch ein enges Netzwerk aus Verbänden und Medien unmittelbar Einfluss auf die Meinungsbildung in türkisch-muslimischen Communities in Deutschland nimmt. Dabei äußern sich aber auch deutsche Muslime, die in einer allzu reflektierten Haltung zu antisemitischen Klischees in muslimischen Communities einen Verrat an der eigenen Gruppe sehen.

Nach dem rechtsextremen Terrorakt von Hanau im Februar 2020 fühlten sich viele Menschen mit Migrationshintergrund von der Politik und der Gesellschaft alleine gelassen. Taten wie in Hanau oder die Mordserie des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrundes zeigen, dass Hass gegen Muslime in der deutschen Gesellschaft real ist. Das Aufzeigen des muslimischen Antisemitismus hat aber nichts mit dem Herunterspielen oder der Verharmlosung antimuslimischen Rassismus zu tun. Es hat auch nichts damit zu tun, dass man die Marginalisierung oder Ausgrenzung nicht erkennen will, der Muslime oder Menschen, die für Muslime gehalten werden, in Deutschland bisweilen ausgesetzt sind, ob aufgrund des Namens, des Aussehens oder der Religion. In einem modernen Einwanderungsland gilt es, Muslime gegen diese Diskriminierungen zu verteidigen. In der offenen und liberalen Gesellschaft, die unserem Grundgesetz zugrunde liegt, hat jedoch auch das Individuum eine eigene Verantwortung, Mechanismen zu reflektieren, die in seinem Umfeld eine Radikalisierung bewirken. Das gilt gerade dann, wenn man einer Gruppe angehört, die eigene Ausgrenzungs- und Diskriminierungserfahrungen macht.